4. Januar - Claudia

Fertig - leider.

Gestern ging alles sehr schnell und das war notwendig.

Am Abend hatten wir bereits das Gefühl, dass es am nächsten Tag nötig sein könnte, dass wir die Hütte verlassen. Noch hatten wir aber 2 Gruppen, die zu uns kommen wollten. Eine der beiden rief uns dann an und liess sich beraten. Wenn wir die Umgebung beobachteten, so wurde klar, dass Skitouren draussen so langsam gefährlich wurden. Der starke Wind baute neue Topografie und Schnee fiel auch. Nach einem längeren Gespräch kam es hier zu einer Absage, was wir gut verstehen konnten und auch unterstützen. Auch mit der zweiten Gruppe führte Fridli das erste Tefefonat, um sie um die Verhältnisse rund um die Jenatsch zu informieren. Hier fiel der Entscheid noch nicht, da es um eine Organisation geht, die sich intern absprechen muss. 

Fridli und ich begannen, einige Dinge für unseren Abstieg vorzubereiten. Ziel wäre es, am nächsten Tag mit dem Heli rauszufliegen und noch einige Frischwaren mitzunehmen, die jetzt halt doch nicht mehr gebraucht würden. Das Ganze wollten wir so gestalten, dass unsere Gäste das gar nicht mitbekommen. Sie hatten ja einen Tag zuvor ihren grossen Einsatz. Erinnert Ihr Euch? Es war ein Gast unterhalb der Hütte verletzt im Schnee zu bergen. Der Rettungsschlitten wurde 'ausgegraben', zusammengesetzt und mit warmen Sachen bestückt. Dazu eine Thermoskanne mit Tee mit 2 TL Zucker und ein TL Salz, sozusagen als Aufpäppel-Lösung für die Verunfallte. Nach einiger Zeit kam die Gruppe unter Remigi und Alex mit der Patientin zur Hütte und nun hiess es warten. Die Sichtverhältnisse liessen keinerlei Flugbewegung eines Helis zu. Stunde um Stunde wartete sie mit Ihrem Mann in der Stube. Dann, kurz vor Eindunkeln, öffnete sich ein Fenster in der dichten Bewölkung und der REGA Heli konnte kommen. Sie wurde ins Spital eingeliefert und noch am Abend operiert: ein Bruch im Sprunggelenk. Drei Schrauben und eine Platte werden sie nun an die Jenatschhütte erinnern.... 

Nach diesem bewegten Vor- und Nachmittag wollten wir der Gruppe unbedingt RUHE gönnen und verwöhnten sie, wie wir konnten. Klar, dass sie von den Vorbereitungen zum 'Abflug' am nächsten Tag nichts mitbekommen sollten. Ich selbst habe noch die Inventur fertig gemacht, die bei uns an jedem Jahresende ansteht. Da muss alles, was Wert hat gezählt werden. Wer schon mal bei uns geholfen hat, weiss, dass wir in der gesamten Hütte Schränke verteilt haben, in denen sich Waren befinden. Das ist eine mühsame Arbeit, die viel Zeit kostet. 

Am Morgen, nach dem Blick in die verschiedenen Portale der Wetterpropheten, war klar, wir müssen sehen, dass wir noch rechtzeitig raus kommen, bevor der grosse Schneefall und die Sturmspitze kommt. 11:00 Uhr konnten wir mit Heli Bernina abmachen. Nun gingen die vielen kleinen Arbeiten los, die es braucht, um die Hütte zu verlassen: Lager parat machen und Fensterläden schliessen, Zimmer parat machen und Läden schliessen, alles Geschirr abwaschen und versorgen, Biomüll für die Tiere draussen leeren, Müll büscheln und versorgen, Keller ausräumen und alle Essensreste versorgen, danach Plastikboxen spülen, Kühlschrank leeren und abschalten, alle Lebensmittel sortieren und entscheiden was oben bleiben kann und was mitkommt, eigenen Rucksack packen, umziehen, Fridli musste 2x zur Turbine und Wasserfassung, um dort die Installation auf 'Abwesenheit des Hüttenwartes' umzustellen, alles Wasser aus dem offenen Bottich im Dachgeschoss auslaufen lassen, alle WC's immer wieder spülen, damit die Spülkästen auch wirklich leer sind und sich nicht immer wieder füllen, Waschmaschine auslaufen lassen, am Schluss hier in die Sifon's etwas Frostschutz einfüllen, beim Elektrischen die Panele der Photovoltaikanlagen vom Netz nehmen und abschliessen, damit niemand aus Versehen daran herumspielt, die Winterküche auf Abwesenheit von uns einrichten und möblieren, alle Terrassenbänke wieder in den Schuhraum versorgen, zwischendurch die Gäste mit Ruhe und Gelassenheit verabschieden, damit sie sich nicht gedrängt vorkommen, ein kurzes Gespräch mit allen, dann weiter in der Hütte... zum Schluss noch die nötigen Telefonate mit Heli Bernina und der letzten Gruppe, die kommen wollte. Es wurde allen klar, dass wir bis 11:00 Uhr fliegen müssen, damit das Wetter es noch einigermassen zulassen würde. Viel gesehen haben wir draussen nicht, es war stark vernebelt und hat leicht geschneit. Dazu kam der starke und stürmische Wind, der immer wieder mit kräfigen Böen 'Hallo' sagte. Nach dem letzten Telefonat wird noch das Telefonnetz abgeschaltet und der Computer heruntergefahren... Schluss. Nun warten wir draussen, ob der Heli wirklich fliegen kann. Einer der besten Piloten, die Heli Bernina hat, sollte zu uns fliegen. Der Sturm wurde stärker, die Gedanken ob es überhaupt noch möglich sei zu fliegen, drängten sich auf... nach einer langen Weile hörten wir dann noch noch den Rotor und kurze Zeit später sahen wir den gelben Heli, der sich gegen den Wind zu uns bewegte... schnell einladen und raus aus dem Sturm... der Flug war sehr 'bewegt'. Der Rotor kämpfte mit den Windböen und wir im Inneren mit unseren Gefühlen. Na ja - besser gesagt ICH kämpfte mit meinen Gefühen. Der Heli stieg immer höher im Val Bever, höher und höher. Das war für mich sehr ungewohnt, ist aber mit dem starken Wind zu erklären, da die Felswände Turbulenzen erzeugen, denen sich der Pilot nicht aussetzen wollte. So waren wir zwar ohne die zusätzlichen Turbulenzen, aber voll im Wind. Irgendwann kam der Anflug auf den Flugplatz in Samedan und kaum hatten die Kufen des Helis den Boden berührt, begann ICH wieder zu atmen.... uffff... so schön, wieder Boden unter den Füssen zu haben :-). Fridli fand den Flug super und hat ihn genossen, für den Flughelfer war das Alltag und für den Piloten das Handwerk - so verschieden ist doch die Wahrnehmung.

Nun sind wir wieder in Schwändi und freuen uns, trotz dem etwas überstürzten Aufbruch in der Hütte, auf ein paar gemütliche Tage zu Hause, bevor wir dann am 3. Februar in die Wintersaison starten. Wir danken allen Gästen für die schönen Tage über Silvester und freuen uns auf die kommende Saison. Bleibt gesund!

Herzlich, Eure Hüttengastgeber der Jenatsch Claudia & Fridli 


Claudia Drilling und Fridolin Vögeli

081 833 29 29         info@jenatsch-huette.ch

775'350 / 155'675 .