29. August - Jeannine

Sehnsuchts-Tag

Nun bin ich schon bald 3 Monate hier oben als Hüttenhilfe tätig.

So schnell vergeht die Zeit. Ich habe doch erst begonnen, doch wenn ich auf das Datum schaue verrät es mir etwas anderes. Es ist bereits Ende August. Dass es Ende August ist, sieht man aber nicht nur auf der Datumsanzeige, sondern auch beim Blick nach draussen. Die Gräser haben bereits eine leicht braune Farbe angenommen, was aber auch mit dem fehlenden Regen zusammenhängen könnte. Die Natur verändert sich sehr schnell und wir verändern uns hier oben auch. Irgendwie fängt man an alles etwas einfacher zu nehmen und eines nach dem anderen. Denn man gar nicht schneller, sondern es kann auch mal etwas vergessen gehen. Die Gäste kommen und gehen, es ist ein buntes Treiben. Die Gäste kommen und erzählen von den Geschichten und Ereignissen von unten. Und alles scheint hier so weit weg zu sein. Wir bekommen es zwar mit und doch ist alles weit weg.

Mit dem weit weg sein kommt man meistens gut zurecht, aber meistens auch nicht. Ich hatte gestern ein bisschen einen Sehnsuchts-Tag. Durch Telefonate bekomme ich meistens mit, wie es meinen Liebsten zu Hause geht. Wenn mein Freund von seiner Kuhalb erzählt, bin ich immer sehr nahe dabei. Doch wenn er von den schönen Abenden mit dem Abendrot erzählt, bekomme ich Sehnsucht sogar ein bisschen Heimweh. Meistens habe ich meine Gefühle schon gut im Griff, aber gestern war das sehr schwierig. Wie gerne wäre ich mit ihm am Abend am Feuer gesessen, wie gerne wäre ich mit ihm auf den ersten Kontrollgang durch die Kühe mitgegangen. Und danach zusammen den Brunch, mit wunderbaren Aussicht genossen. Tja, so gibt es diese Tage an denen man mehr wo anders ist, als hier wo man sein sollte. Aber, und das ist das Schöne, ab Montag kann ich dann alles für 2 Wochen voll geniessen. Und diese Vorfreude, umhüllt meine Sehnsucht ein wenig.

Und dann hatte ich eben gestern auch noch erfahren, dass es meiner besten Freundin nicht so gut geht. Sie hatte vor kurzem entbunden, hatte ihr zweites Kind bekommen. Und mit dem zweiten Kind kam leider auch der sogenannte Babyblues. Als sie es mir erzählte, fühlte ich mich so weit weg und so machtlos. Denn durch das Telefon kann man nicht so viel erreichen. Wenn ich unten wäre, wäre ich ins Auto gesprungen und zu ihr gefahren. Ihr ein paar Arbeiten abgenommen und sie ins Bett zum Schlafen geschickt. Aber von hier oben konnte ich ihr nur zuhören, konnte sie nicht in die Arme nehmen. Dass sind dann die Momente wo ich denke, warum bin ich hier oben? Dass sind die Momente wo ich denke: Warum? Dass tut dann einem schon weh, wenn man weiss, wenn es jemanden nicht gut geht und man kann nicht einfach schnell vorbeigehen. Immerhin konnte ich ihr ein bisschen zuhören, das war ihr dann auch eine kleine Hilfe. Und zum Abschied habe ich ihr dann versprochen, sie nächste Woche zu besuchen. Sie freue sich jetzt schon sagte sie und mit einem Lachen sagte sie noch: dann warte ich mit bügeln, bis du kommst…. 

Ja und so kommt es vor, dass der Abstand an manchen Tagen zu den Liebsten grösser und grösser wird. An und für sich, ist der Abstand logischerweise immer derselbe. Und an den meisten Tagen fällt er auch nicht auf, doch eben an solchen Tagen wie gestern bekommt man ein zerdrückendes Gefühl. Und obwohl ich Theater spiele und ein bisschen schauspielern kann, merkt mein Umfeld vielleicht nicht viel davon, aber ich selber schon. Denn man belügt sich dann selber und spielt sich selber etwas vor. Ich hatte auch gestern niemanden davon erzählt, sagte nur ich sei müde. Ich bin eben so ein Mensch, wo nicht sofort über alles sprechen kann. Auch wenn es nützten kann, weiss ich, dass ich dann, wenn ich darüber spreche, meine Gefühle nicht mehr im Griff habe. Und das nicht im Griff haben, mag ich an mir nicht. So lasse ich dann so einen Sehnsuchts-Tag vergehen und schreibe dann darüber. Mit dem Schreiben kann ich dann sozusagen darüber sprechen.

Und heute? Heute ist der Abstand wieder kleiner geworden. So schnell geht das über Nacht. Ich konnte auch mal wieder über 8 Stunden schlafen, was sicher auch genützt hat. Und ich bin auch ein anderer Mensch, nach mehr Stunden Schlaf. Ja liebe Leser, wir hier oben sind halt auch nur Menschen die ab und zu Sehnsucht haben, ab und zu eine weniger gute Laune haben. Ab und zu das schauspielerische Können zum Vorschein nehmen. Und wisst ihr was? Dass macht dann den Abstand zu allem wieder kleiner. Und man ist wieder an allem ganz nah dran. So nahe, dass man sich schon fast die Hand reichen kann. Und dass mache ich jetzt auch. Ich reiche euch die Hand und wünsche euch einen wunderschönen sonnigen Tag.

 

Liebe Grüsse aus der Jenatschhütte von der Jeannine, der Claudia, dem Fridli und der Nicole die nun ihre freien Tage geniesst.

PS: Liebe Nicole, ich danke dir für die lässige Zeit hier oben in der Hütte. Wir waren und sind ein gutes Team, in welchem Bereich auch immer…. Zur Erklärung, Sie beendet in 2 Wochen ihre Hüttenhilfe-Zeit und ich habe bald 2 Wochen frei.

 

 

<< zurück


Claudia Drilling und Fridolin Vögeli

081 833 29 29         info@jenatsch-huette.ch

775'350 / 155'675 .