19. Oktober - Margret (eine Tagebuchleserin)

Alles hat seine Zeit

Liebe Claudia, lieber Fridolin Das war echt komisch, jemandem das erste Mal so zu begegnen, so wie Euch beiden heute, nämlich am Telefon beim An- und Abmelden.

Ich habe recht regelmässig in den letzten Monaten in Eurem Hüttenbuch gelesen, und da dachte ich, wenn ich heute schon nicht beim Abendessen bei Euch auf der Jenatschhütte sitzen kann, so sollt Ihr doch wenigstens meine Gedanken zu meinem verhinderten Besuch bei Euch lesen können.... und ein wenig von der Frau erfahren, die heute nicht gekommen ist:

Die verhinderte Jenatschhütte.... oder wenn es wieder mal anders kommt....

Wenn jemand heute spät abend Licht bei mir Daheim sieht, dann ist das kein Gespenst und auch kein Einbrecher, sondern das bin nur ich selber.....
Ich, die es nicht geschafft habe, zur Jenatschhütte zu gelangen. ja, das mit der Jenatschhütte sollte anscheinend nicht sein..... zumindest heute nicht. Trotz ausreichendem Schlaf letzte Nacht und herrlichem Wetter.

081 833 29 29. diese Telefonnummer habe ich heute zweimal benutzt. Einmal zum Nachfragen, ob man unbedingt reservieren müsse bzw. meiner Zusage unter dem Vorbehalt, dass mein Körper bei der Wanderung mitspielen würde, und die Voraussetzungen dafür schienen mir ja heute ziemlich gut. Ja und dann habe ich die Nummer nochmal benutzt, zum Absagen. die Nummer der Jenatschhütte.
Bei meinem Telefonat mit Claudia, der Hüttenwartin heute Morgen zeigte diese Entgegenkommen, als ich äusserte, dass ich es leider vorher nie wirklich ausreichend sicher sagen kann, ob ich es schaffe oder ob ich umkehren muss. Weil ich das erst nach ca. zwei Stunden einschätzen kann, wie es sich heute wandert, ob mein Körper mitspielt. Als sie mir die Option anbot, zu reservieren, aber Bescheid sagen zu können, wenn es nicht klappen würde, sobald ich Handyempfang hätte, war ich erleichtert, froh, gleichzeitig verspürte ich auch so was wie Druck, es wirklich schaffen zu wollen, zu müssen. Ich wusste, es würde eine gewisse Herausforderung werden, einerseits wegen der Weglänge als auch wegen meiner sehr oft beeinträchtigten Schlaffähigkeit nach längerem Wandern, wo es in meinem Hirn und damit auch im Körper oft noch stundenlang weiterwandert und ruhiges Liegen schwierig macht. Gleichzeitig aber wäre es auch eine Herausforderung im Grenzbereich meiner schwankenden Möglichkeiten - und ich fordere trotzdem immer noch gern mal meine Grenzen heraus und erweitere so wieder meine Möglichkeiten. Das war - glaub ich- auch in den letzten Jahren, da vieles irgendwann nicht mehr so ging wie ich es von früher gewohnt war, meine Chance und ist es immer noch....

Und ich sehnte mich danach, diese Jenatschhütte mit ihren Menschen da oben vorort mal kennenzulernen. Mal ganz hin zu wandern und nicht nur von Spinas oder vom Julierpass aus in deren Richtung zu schnuppern, um auszuprobieren, wie sich der Weg anfühlt, wie er sich geht. Auch wollte ich ausprobieren, wie es sich dort schläft....mal wieder in einer Hütte.... so hoch oben in den Bergen.
Und meine Erfahrung ist auch, dass ich in den letzten Jahren entgegen diverser Meinungen und auch eigener Befürchtungen vieles wieder geschafft habe, mir wieder zurückerobert habe, wenn ich mich auf den Weg gemacht habe, wenn ich es Schritt für Schritt einfach probiert habe ... wenn ich die für mich schwer erträgliche Empfehlung einiger Arztkollegen, mich auf moderate Waldspaziergänge zu beschränken, einfach beiseite gelegt habe, losgewandert und halt notfalls umgekehrt bin.... mit einer gewissen Portion Vorsicht und Stöcken im Wandergepäck.

Schwer fällt es mir aber immer noch, andere Menschen in dieses Unberechenbare, dieses Ausprobieren einzubeziehen, ihnen das zuzumuten, diese meine Erfahrungen mit meinem Körper und damit, dass es anders kommen kann als ich es mir wünsche....
aber heute Morgen war mein Wunsch mal etwas stärker als die Bedenken. sodass ich mein Anliegen Claudia am Telefon zögernd zugemutet habe... wollte ich doch so gern zu der Hütte, die und deren Menschen mir fast schon ein wenig vertraut sind von ihrem Hüttenbuch, da hinauf, wo "die Luft und die Ereignisse pur sind", wo man dem Himmel ein wenig näher ist...

Nun, ich bin noch nicht mal dazu gekommen, in Spinas loszuwandern...
lediglich bis Altstätten im Rheintal hab ich's geschafft, und dann fuhr mein Zug nicht mehr weiter..... bis auf weiteres hiess es.....nach 20 Minuten warten konnte ich mir ausrechnen, dass damit der Anschlusszug in Chur mit Halt auf Verlangen in Spinas leider ausser jeglicher Reichweite war.... und der nächste wäre zu spät gewesen.
Habe ich das Planen, das ich in meiner Freizeit noch nie gern gemacht habe, nun noch ganz verlernt? Mit meiner immer häufiger und auch heute wieder einmal gemachten Erfahrung, dass ja doch fast immer alles anders kommt...
Wenn dann noch die sonst so zuverlässige SBB wegen einem defekten Gleis das Spiel nicht mitspielen kann... dann kann ich mich nur noch geschlagen geben. Mir blieb nichts anderes übrig, als Fridolin per Handy zu sagen, dass ich nun doch nicht kommen könne. Und wenn die SBB nicht die SBB wäre, sondern die DB, dann hätte ich sie mit ihrem Gleisschaden sehr wahrscheinlich deftig bayrisch verwünscht, aber eigentlich bin ich sonst ja sehr mit der Zuverlässigkeit der SBB zufrieden.

Mir wird aber immer deutlicher, was alles mitspielen muss, um das, was ich bis vor wenigen Jahren für selbstverständlich hielt, zu ermöglichen, z.B. auf die höchstgelegene Hütte Graubündens zu gelangen.

Eine Frage bleibt: ob ich wieder einmal den Mut aufbringe zu reservieren, wenn so oft alles anders kommt...

Margret N.


(Anmerkung: wir haben diesen Tagebucheintrag mit Erlaubnis von Margret hier veröffentlicht)

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Claudia Drilling und Fridolin Vögeli

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